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Bilder von der letzten Ausgrabung im Herbst 2017, zugeschickt von Oliver Weidl. Danke Oli

alte Ausgrabungsstätten ca. 1963

08.10.2010 Auf den Spuren der alten Römer

 

Für die Archäologen ist diese Grabung eine Sensation: In der Zeit um Christi Geburt lebten Römer in der Gemarkung von Oberbrechen/Weyer. Nach Einschätzung von Dr. Vera Rupp vom Landesamt für Denkmalpflege wurde dort das am besten erhaltene Römerlager aus dieser Zeit in ganz Deutschland gefunden.

Brechen/Villmar. «Ausgrabung», steht auf dem Schild gleich neben dem Maisfeld. Viele Menschen folgen dem Pfeil, schlendern von der Weyerer Volkshalle hoch in Richtung Wald. Weitere Gruppen kommen ihnen entgegen. Die ersten erzählen: «Es ist spannend auf den Spuren der alten Römer. Lasst Euch überraschen!» Weiter oben, auf einem Acker bei Oberbrechen/Weyer sind die Archäologen am Werk. Die Spezialisten vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen sind begeistert: An dieser Stelle haben sie ein Römerlager aus der Zeit um Christi Geburt entdeckt. Jetzt ist es an der Zeit, die Grabung der interessierten Bevölkerung vorzustellen.

 

Ein weites Feld in der Gemarkung Oberbrechen/Weyer ist jetzt Grabungsstätte. Hier legen die Archäologen ein Römerlager aus der Zeit um Christi Geburt frei. Jetzt stellten sie es der Öffentlichkeit vor, und viele Interessierte nutzten die Gelegenheit, sich an Ort und Stelle zu informieren. In der Gruppe Dritte von rechts Dr. Sabine Schade-Lindig vom Landesamt für Denkmalpflege. Foto: Hackert

Münzen im Wald

 

Dr. Vera Rupp vom Landesamt für Denkmalpflege (Abteilung Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege) erklärt: Schon als vor einigen Jahren weiter oben im Oberbrechener Wald römische Münzen gefunden wurden, machten sich Archäologen auf die Suche nach mehr. Bald war klar, dass ein Lager aus der Zeit der Varusschlacht entdeckt worden war. Rupp: «Vor allem Hessen kommt in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus eine wichtige Rolle zu, denn die Legionen zogen vom Standort Mainz aus über den Rhein ins hessische Gebiet. Ganz Germanien sollte damals als neue Provinz ins Römische Imperium eingegliedert werden. Das ging in großen Teilen schief, weil sich die germanischen Stämme nicht so einfach bezwingen ließen. Trotzdem tauchen immer häufiger römische Militärlager an Main, Lahn und im Limburger Becken sowie nördlich von Kassel auf niedersächsischem Gebiet auf.»

 

Die Grabung soll klären, ob es Vormarschwege durch das germanische Gebiet gibt, Einblick geben in die Operationsweise der Legionseinheiten und feststellen, ob hier tatsächlich Militärlager gebaut wurden, um Germanien in die Zange zu nehmen, oder ob vielleicht doch «nur» nach Bodenschätzen gesucht wurde – vor rund 2000 Jahren auf fremdem Gebiet.

 

«Man weiß, dass in der Region während der letzten Jahrhunderte bleihaltiges Silber abgebaut wurde», erklärt Dr. Vera Rupp. Könnten schon die Römer dieses begehrte Metall entdeckt und abgebaut haben? Manches spricht dafür. Patrick Kühn, der seinen Zivildienst im Landesamt für Denkmalpflege leistet, erklärt den Umstehenden an einer Grube: «Hier habe ich Knochen und kleine Scherben rausgeholt.» Am Rand des Lochs sind verschiedenfarbige Lehmschichten zu erkennen, außerdem Scherben. Kühn: «Es sieht so aus, als könnte es sich hier um eine Sondergrabung der Römer auf der die Suche nach Metall handeln.» Oft wurden solche Grabungsstellen schon früh wieder verfüllt, und das ist hier auch erkennbar.

 

 Militärlager

 

Gerhard Reichl vom Landesamt für Denkmalpflege ist als Grabungstechniker eingesetzt, er war schon vor elf Jahren bei der Grabung weiter oben im Wald beteiligt, als sich die Archäologen das deutlich sichtbare Wallsystem im großen Wald vorgenommen hatten. Die Alteburg – bis dahin dachte man, es handele sich hier um eine keltische Fliehburg – entpuppte sich als frührömisches Militärlager. Das Wall-Graben-System von 200 Metern Länge und 140 Metern Breite ist nahezu zur Hälfte bis zu einem Meter hoch erhalten. Ein Spitzgraben von mehr als zwei Metern Tiefe, in dem sich der mindestens ebenso hohe Wall erhob, umschloss den Lagerplatz. «Wir hatten gehofft, eine Straße zu finden, die sich zum Wald hochzieht. Das war aber bisher leider nicht der Fall», sagt Reichl.

Bis Ende nächster Woche wird noch gegraben, das steht fest. Ob das Ganze verlängert wird, vielleicht bis Ende Oktober, hängt von den weiteren Funden ab. Dann werden die Erdaufschüttungen, Löcher im Boden, geglätteten Flächen auf dem Feld in der Gemarkung Oberbrechen/Weyer wieder verschwinden. Denn: Der Bauer, dem das Feld gehört, muss es bestellen. Möglicherweise kann zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal gegraben werden. Außerdem bemüht sich das Landesamt für Denkmalpflege um Fördermittel. Dr. Vera Rupp: «Wir haben gute Chancen, im Jahr 2012 als Schwerpunktprojekt der deutschen Forschungsgemeinschaft berücksichtigt zu werden.» Den Besuchern der Grabung, die zum größten Teil aus der näheren Umgebung kamen, gab sie mit auf den Weg: «Dies hier ist das am besten erhaltene Römerlager aus der Zeit um Christi Geburt in ganz Deutschland. Passen Sie gut darauf auf.»

Archäologen kommen wieder zurück nach Weyer/Oberbrechen

 

Die Gemeinden Brechen und Villmar laden in Kooperation mit der hessenARCHÄOLOGIE zu zwei Abendvorträgen über die neuesten Forschungsergebnisse zum römischen Lager in Oberbrechen/Weyer ein.

Der erste Vortrag am 21. März 2011 um 19.00 Uhr findet in der Volkshalle in Villmar-Weyer statt. An diesem Abend erläutert Dr. Armin Becker, Ausgrabungsleiter im römischen Waldgirmes, den historischen Hintergrund.

Der zweite Vortrag findet am 29. März 2011 ebenfalls um 19.00 Uhr im Feuerwehr-gerätehaus Oberbrechen statt. Dr. Vera Rupp, Projektleiterin, und der Ausgrabungsleiter von Weyer/Oberbrechen Markus Jae geben einen ersten Einblick in ihre Forschungsergebnisse und zeigen neue Ansätze der Forschung auf, die auf Mitwirkung von Ortskundigen basiert.

„Mit den beiden Vortragsabenden möchten wir uns für die breite Unterstützung durch die Gemeinden Villmar und Brechen bedanken. Vor allem aber sind wir den vielen interessierten Bürgerinnen und Bürger und unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern vor Ort sehr zu Dank verpflichtet", so Dr. Vera Rupp, stellvertretende Landesarchäologin.

In Herbst 2010 unternahm die hessische Landesarchäologie eine kleine Grabung im Bereich der Befestigung „Alteburg" bei Weyer/Oberbrechen. Die Erforschung des Platzes unweit von Limburg ist Teil des hessischen Forschungsprojektes „Roms Weg vom Rhein zur Elbe. Die Bedeutung des hessischen Raums in den Jahrzehnten um Christi Geburt".

Der Platz wurde u. a. bekannt durch Münzfunde, die von illegalen Sondengängern vor rund zehn Jahren entdeckt worden sind. Um die archäologische Situation zu klären, schloss sich eine geomagnetische Erfassung des Geländes vom Waldrand zum Erzgraben an. Damals kamen die Archäologen zum ersten Mal zur „Alteburg". Zweifelsfrei konnte geklärt werden, dass es sich um eine Anlage aus der Zeit um Christi Geburt handelt.

Das rund 2,8 ha große, umwehrte Lager befindet sich auf einer leicht ansteigenden Fläche oberhalb eines Nordhangs über dem Erzgraben. Nach Norden schließt sich ein rund 1,5 ha großer, mit einem Graben eingefasster Bezirk an. Wall und Graben des Lagers sind in einem hervorragenden Zustand; teilweise misst der Wall heute noch über zwei Meter Höhe. Das Lager Weyer/Oberbrechen gehört damit zu den am besten erhaltenen Anlagen aus der Zeit des Kaisers Augustus in Deutschland. Neue geomagnetische Messungen ergaben, dass auch außerhalb des abgetrennten Bezirks mit zahlreichen römischen Spuren zu rechnen ist.

Die neue Sondage im vergangenen Jahr sollte klären, welche Funktion die „Alteburg" hatte. Schließlich liegt sie etwas abseits der vermuteten Hauptroute durch das Limburger Becken. Man entschloss sich, besonders auffallende Anomalien im geomagnetischen Bild des Außengeländes freizulegen. In den Grabungsflächen konnten die Ausgräber mehrere Gruben und eine Feuerstelle dokumentieren. Das Keramikspektrum, darunter Terra Sigillata, Bauwerkzeuge und Münzen aus gezielten Begehungen belegen den frühen Datierungsansatz.

Diente die Anlage keinem militärischen Zweck, sondern schon damals dem Bergbau? „Wenn wir dies nachweisen könnten, wäre das eine echte Sensation", betonen die Archäologen.

Nach einer ersten Begehung des Geländes unter der Führung eines ehrenamtlichen Mitarbeiters der hessischen Landesarchäologie und einem Geologen, wird derzeit ein neuer Forschungsansatz entwickelt.